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Der Glockenturm von Poretschje-Rybnoje zwischen den Ruinen der beiden Kirchen des Ensembles

Poretschje-Rybnoje: 92 Zentimeter über Moskau

7 Min. Lesezeit

Von der Fernstraße M8 siehst du ihn, bevor du weißt, wonach du schaust. Ein fünfgeschossiger Turm steht über flachem Gemüseland, und er steht dort falsch. So etwas gehört in eine Stadt.

Vier Kilometer neben der Straße, elf Kilometer südlich von Rostow Weliki, liegt Poretschje-Rybnoje. 1388 Menschen leben dort, Stand 2025. Der Turm ist der höchste Dorfglockenturm Russlands, und die Geschichte, die man sich über ihn erzählt, stimmt zur Hälfte nicht. Die andere Hälfte ist besser als die Legende.

Die Zahl, die alle nennen, und die Zahl, die gemessen wurde

Die alten Beschreibungen geben die Höhe mit 44 Kirchensaschen an. Die Sasche ist ein altes russisches Längenmaß, und genau darin steckt der Fehler: Es gab über ein Dutzend verschiedene Saschen, und sie lassen sich nicht ineinander umrechnen. Die Kirchensasche misst 186,4 Zentimeter, die staatliche 213,36.

Wer die staatliche nimmt, landet bei gut 93 Metern. Genau diese Zahl, 93,72 Meter, stand jahrzehntelang in Aufsätzen und Reiseführern, meist gerundet auf 94. Wer die Kirchensasche nimmt, die in der Quelle steht, landet bei knapp 82.

Am 9. Juli 2017 hat der Geodät Alexander Kusnezow den ganzen Komplex mit einem Laserscanner vermessen, eingeladen vom Moskauer Architekten und Historiker Pjotr Schutow. Für den Turm kamen 81,92 Meter heraus. Die Baupläne von 1975 hatten 83,7 ergeben.

Der Glockenturm Iwan der Große im Moskauer Kreml misst 81 Meter mit Kreuz, seit er um 1600 ein zusätzliches Geschoss bekam.

Von der berühmten Aussage bleibt damit dies übrig: Der Dorfturm ist etwa 92 Zentimeter höher. Weil die 81 Meter eine gerundete Zahl sind, ist dieser Vorsprung im Grunde nicht messbar. Das Dorf hat Moskau nicht überragt, es hat Moskau eingeholt. Wenn man kurz darüber nachdenkt, ist das die erstaunlichere Leistung.

Die Legende, und warum sie eine ist

Dazu gehört eine Erzählung, die es in mehreren Fassungen gibt. Der Kern ist immer derselbe: Nichts durfte höher werden als Iwan der Große, also musste getrickst werden.

In der einen Fassung erlaubte der Synod den Bau nur unter der Bedingung, dass er in einer Senke stattfindet, sodass der Turm über dem Meeresspiegel unter Moskau bleibt. In der zweiten schütteten die Bauern vor dem Besuch hoher Herren Erde gegen das untere Geschoss, damit er niedriger aussieht. In der dritten wurde gleich ein ganzer Hügel aufgeworfen.

Die Fassungen widersprechen sich im Mechanismus, und keine von ihnen hat eine Bauakte hinter sich. Das ist mündliche Überlieferung, über zweihundert Jahre nachgeschärft. Erzählt wird sie trotzdem, und sie gehört zum Ort.

Wer den Turm gebaut hat, und wer nicht

Vor Ort und in vielen Texten heißt es, ein einfacher Poretschjer Bauer namens Alexei Stepanowitsch Koslow habe den Turm gebaut, ein Autodidakt ohne Ausbildung.

Die russische Wikipedia nennt das ausdrücklich einen Mythos und begründet es nachvollziehbar: Koslows Vater war Kirchenältester, der Familie gehörten Talg- und Kerzenfabriken, und Alexei selbst war zur Zeit der Fertigstellung Dorfvogt. Er ist also der Mann, der den Bau möglich machte und bezahlte. Entworfen hat ihn jemand anderes.

Wer, ist offen. Genannt werden der leibeigene Architekt Alexander Zukanow und die Brüder Giliardi, die damals in Sankt Petersburg und Moskau arbeiteten. Beides bleibt Vermutung.

Die Kirche des Märtyrers Nikita entstand 1772 bis 1779, der Turm 1799 bis 1810.

21 Glocken und eine Uhr mit Wochenwerk

Hier wird der Vergleich mit Rostow erst interessant. Auf der Glockenwand im Rostower Kreml hängen fünfzehn Glocken, und dieses Geläut kennt man weit über Russland hinaus.

In Poretschje hingen 21. Es war das größte Glockenspiel in Rostow und im ganzen Kreis, das berühmte der Stadt eingerechnet.

Eine alte Beschreibung zählt die schweren einzeln auf: die große mit 525 Pud, die zweite mit 319, die werktägliche mit 102 und die für die Fastenzeit mit rund 80. Beim Gewicht der größten gehen die Angaben auseinander, umgerechnet sind das gut achteinhalb Tonnen nach der alten Beschreibung und gut fünfeinhalb nach neueren Darstellungen.

Im vierten Geschoss, einem fensterlosen Zwischenstück, saß eine Turmuhr mit vier Zifferblättern nach allen Himmelsrichtungen. Ein Wochenwerk: einmal aufziehen, sieben Tage laufen. Poretschje war eines der wenigen Dörfer im Rostower Kreis, das so etwas besaß.

Im Mai 1920 brannte die Uhr aus. 1930 wurde die Kirche geschlossen, die Glocken wurden heruntergeworfen und zerschlagen, das Metall ging in die Industrialisierung.

Warum ein Dorf sich so etwas leisten konnte

Das ist die eigentliche Frage. Ein Turm dieser Größe kostet Geld, und Poretschje war ein Dorf.

Die Antwort fängt bei Peter dem Großen an. 1719 und 1720 schickte ein Erlass Poretschjer Bauern zur Ausbildung im Gemüsebau nach Holland. Was sie mitbrachten, machte aus Selbstversorgung ein Gewerbe. Angebaut wurden Zwiebeln, Gurken, grüne Erbsen und bis zu 87 Arten von Heil- und Duftkräutern.

Dann kam die Zichorie. Der Poretschjer Bauer Ilja Solotachin arbeitete auf der Fabrik eines Unternehmers namens Hakman und lernte dort den ganzen Weg von der Wurzel bis zur fertigen Packung. Er kehrte heim und machte das Verfahren im Dorf heimisch. Er gilt als der erste Mensch in Russland, der Zichorie als Kaffeeersatz nutzte. In den 1820er Jahren war der Anbau in Poretschje fest etabliert und griff auf die Nachbardörfer über.

Wie gut das Geschäft lief, zeigt das, was Solotachin am Ende seines Lebens tat: Er stiftete der Nikita-Kirche seines Heimatdorfs 40 000 Rubel für eine Zarenpforte aus gegossenem Silber. So steht es in der Arbeit des Rostower Museums zur Geschichte dieses Gewerbes.

1880 kam die Konservenfabrik von P. A. Korkunow dazu. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten hier rund 2800 Menschen. Die steinernen Bauernhäuser, die heute noch die Straßen säumen, stammen aus dieser Zeit. Sie sehen aus wie die Häuser einer Kreisstadt, weil das Dorf sich genau so verstand.

Was heute davon steht

Der Zustand ist ernst. Das Ensemble ist halb zerstört und außer Betrieb, die Nikita-Kirche brannte 1996, und der Komplex steht als Kulturdenkmal föderaler Bedeutung unter Schutz. Die Behörden der Oblast Jaroslawl sagen offen, dass der Turm einstürzt, wenn nichts geschieht.

Hinauf kommst du derzeit nicht. Einen geregelten Zugang gibt es nicht, und der Bauzustand spricht ohnehin dagegen.

Das soll sich ändern. Anfang 2026 hat Gouverneur Michail Jewrajew angekündigt, dass der Turm restauriert wird. Vorgesehen sind die Fassaden, die Wandmalerei, ein wiederhergestellter Treppenaufgang mit metallenen Zwischenpodesten und eine neue Uhr. Ausdrücklich geplant ist die Nutzung für Besucher, also der Aufstieg. Dazu sollen Anlegestellen für Ausflugsschiffe kommen, die auch Poretschje anlaufen. Ein Projekt liegt vor, ein Termin nicht.

Wer den Turm als halbe Ruine sehen will, ohne Gerüst und ohne Kasse, hat dafür ein paar Jahre.

Der Bücherschrank auf dem Spielplatz

Und dann das andere.

Neben dem Ensemble liegt ein Park mit Spielplatz, und dort steht ein verglastes Holzhäuschen auf Beinen, voller Bücher. Kein Ausweis, keine Anmeldung, niemand, der aufpasst. Eltern nehmen sich etwas heraus und lesen, während die Kinder spielen.

Das sieht aus, als wäre es einfach entstanden. Ist es nicht.

Poretschje ist seit 2018 Schauplatz eines Vorhabens, das „soziales Dorf” heißt und von der Agentur für strategische Initiativen zusammen mit der Hospizstiftung „Wera” getragen wird. Den Anfang machte das Haus der Barmherzigkeit des Schmieds Lobow, ein Hospiz mit ambulanter Palliativpflege für den ganzen Kreis. Rund 25 Arbeitsplätze im Dorf hängen daran.

Aus demselben Vorhaben kam der Rest. Im Juni 2019 wurde der Bücherschrank aufgestellt. Im Juli arbeitete ein Freiwilligenlager eine Woche lang im Ort, es entstanden Sitzplätze und eine Bühne am Kulturhaus. Und am 28. September 2019 ging die Beleuchtung des Glockenturms an, bezahlt aus gesammelten Mitteln, entworfen von Architekten, die dafür nichts nahmen. Seitdem steht der Turm nachts im Licht und ist von der M8 aus zu sehen.

Der Rekordturm und das Bücherregal haben also dieselbe Adresse, und in Teilen dieselben Leute.

Wenn du hinfährst

  • Anreise: Elf Kilometer südlich von Rostow Weliki, vier Kilometer neben der M8. Von Rostow fährt der Vorortbus 104 über die Haltestellen Poretschje-1 und Poretschje-2. Der nächste Bahnhof ist Debolowskaja an der Strecke von Moskau nach Jaroslawl, sieben Kilometer entfernt. Von Moskau sind es gut 180 Kilometer, von Jaroslawl rund 70.
  • Museum: „Poretschski Ogorodnik”, der Poretschjer Gemüsegärtner, Mologskaja 18a. Dienstag bis Samstag von 09:00 bis 17:00, sonntags und montags geschlossen, Telefon +7 48536 2-02-81. Gezeigt werden Gerät und Alltag des Gemüsebaus, auf Wunsch mit Tee.
  • Verpflegung: Darauf verlässt man sich hier nicht. Gegessen und übernachtet wird in Rostow Weliki.
  • Tageszeit: Der Turm lohnt zweimal, bei Tag und nach Einbruch der Dunkelheit.
  • Fest: Einmal im Jahr gibt es den Tag der Gurke, einen Jahrmarkt rund um den Gemüsebau. Den Termin vorher erfragen.

Seit dem 27. Mai 2023 gehört Poretschje-Rybnoje zur Vereinigung der schönsten Dörfer und Kleinstädte Russlands, aufgenommen mit 44 Punkten. 2025 kam der Status eines historischen Orts von regionaler Bedeutung dazu. Das Schild mit dem Hausmotiv steht am Rand der Wiese vor dem Turm. Viel mehr an Wegweisung wirst du hier nicht finden.

Fast jeder kommt über Rostow Weliki hierher. Wie ein Tag dort aussieht, steht im Bericht über die Stadt, die Sache mit den Glocken im Städteporträt Rostow Weliki.

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