Uglitsch: Ein toter Zarensohn und eine Goldmedaille aus Leipzig
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Nach Uglitsch kommen die meisten übers Wasser. Die Wolga-Kreuzfahrtschiffe legen direkt unterhalb des Kremls an, und für ein paar Stunden gehört das Städtchen dann den Passagieren. Ich kam über die Straße, auf Einladung der Union der Städte des Goldenen Rings, und hatte den Vorteil des Landwegs: Ich musste nicht zurück an Bord, als es gerade interessant wurde.
32.000 Menschen leben hier, gut 200 Kilometer von Moskau, im Gebiet Jaroslawl. Seit 2018 gehört Uglitsch offiziell zum Goldenen Ring, und wer einen Tag hier verbracht hat, wundert sich höchstens, dass es so lange gedauert hat.
Ein Feld, älter als Berlin
Die Stadt selbst feiert 937 als Gründungsjahr; die Historiker halten sich an die Chroniken, und dort taucht Uglitsch 1148 zum ersten Mal auf, als „Ugletsche Pole”, das Feld an der Wolga. Eine der Deutungen führt den Namen auf угол zurück, den Winkel: Der Fluss knickt hier scharf ab und legt sich der Stadt einmal quer vor die Füße. Und selbst wenn man nur das nüchterne Chronikdatum gelten lässt, bleibt genug übrig. Als Berlin zum ersten Mal in einer Urkunde stand, hatte Uglitsch seine Ersterwähnung schon fast ein Jahrhundert hinter sich.
Wild ist die Wolga hier allerdings nicht mehr: Seit dem Bau des Wasserkraftwerks staut sie sich vor der Stadt zum Uglitscher Stausee, Schleuse und Staumauer stehen in Sichtweite der Altstadt. Uglitsch leistet sich dazu ein eigenes Museum der Wasserkraft, und die Uferpromenade mit ihren Laternen ist am Abend der Ort, an dem sich die halbe Stadt trifft.
Der Kreml und der 15. Mai 1591
Der Kreml von Uglitsch hat weder Mauern noch Türme. Er ist eine grüne Halbinsel über dem Fluss, eine Handvoll Gebäude unter alten Bäumen, sorgfältig restauriert und heute ein Museum. Das älteste Haus darin ist der Grund, warum diese Kleinstadt in jedem russischen Geschichtsbuch steht: Im Fürstenpalast von 1481 lebte Ende des 16. Jahrhunderts Dmitri, der jüngste Sohn Iwans des Schrecklichen, mit seiner Mutter. Es war eine Verbannung mit höflichem Namen, denn in Moskau regierte sein Halbbruder Fjodor, und die Geschäfte führte Boris Godunow.
Am 15. Mai 1591 fand man den achtjährigen Jungen tot im Hof, mit einer Stichwunde am Hals. Die Untersuchungskommission aus Moskau kam zu dem Schluss, Dmitri sei beim Messerspiel in einen epileptischen Anfall gestürzt und in die eigene Klinge gefallen. Die Uglitscher glaubten an einen Auftragsmord und erschlugen die Verdächtigen noch am selben Tag. Welche Version stimmt, ist bis heute offen; der Streit darüber beschäftigt die Historiker seit vier Jahrhunderten.
Entschieden hat der Kindstod trotzdem alles. Sieben Jahre später starb Fjodor ohne Erben, mit ihm endete nach gut sieben Jahrhunderten die Dynastie der Rurikiden, und Russland stürzte in die Zeit der Wirren: fünfzehn Jahre Bürgerkrieg und Hunger, dazu eine Reihe falscher Dmitris, die nacheinander behaupteten, der Junge aus Uglitsch zu sein, wundersam gerettet und rechtmäßiger Zar.
Die bestrafte Glocke
An der Stelle, an der das Kind starb, steht seit 1692 die Kirche Dimitri auf dem Blut: blutrot gestrichen, mit blauen, goldbesternten Kuppeln, direkt über dem Wasser. Seit 2001 steht sie auf der Kandidatenliste für das UNESCO-Welterbe. Man sieht sie von jedem Schiff aus zuerst, und sie ist das Bild, das von Uglitsch bleibt.
Drinnen hängt das merkwürdigste Ausstellungsstück der Stadt: die Sturmglocke, die am 15. Mai 1591 Alarm schlug und die Uglitscher zusammenrief. Nach dem Aufruhr bestrafte Moskau die halbe Stadt, und die Glocke gleich mit. Der Überlieferung nach riss man ihr die Zunge heraus, schlug ihr ein Ohr ab und peitschte sie öffentlich aus, dann ging sie in die Verbannung nach Sibirien. Rund dreihundert Jahre später durfte sie zurück, und heute hängt sie wenige Schritte von der Stelle, für deren Alarm sie büßen musste.
Eine Festung, die es nicht gibt
Mauern hatte der Kreml früher natürlich, aus Holz; erhalten ist davon nichts. Genau daran arbeitet sich das ehrgeizigste Projekt der Stadt ab. Es heißt „Die Festung, die es nicht gibt” und will die hölzerne Befestigung des 17. Jahrhunderts zurückbringen, nach den Planungen mit 193 Metern Mauer und Türmen von 20 Metern Höhe. Ein erster Anlauf mit Geld aus Moskau platzte, seit dem Sommer 2025 wird mit deutlich kleinerem Budget tatsächlich gebaut. Als ich im August 2026 davorstand, waren die Balken frisch, und gezimmert wurde von Hand. Ob am Ende alles so groß wird wie gezeichnet, wird sich zeigen; zusehen kann man jetzt schon.
Wir diskutieren in Deutschland zwanzig Jahre über einen Bahnhof. In Uglitsch zimmern sie nebenbei eine Festung nach.
Sechs mal neun Millimeter
Das zweite Kapitel, das Uglitsch zu erzählen hat, ist sowjetisch. In den Kriegsjahren entstand am Stadtrand ein Werk für Präzisionssteine, aus dem das Uhrenwerk Tschaika wurde; gebaut wurden hier vor allem Damenuhren. Der Markenname kam aus dem All: „Tschaika”, die Möwe, war das Funkrufzeichen von Walentina Tereschkowa, der ersten Frau im Weltraum, und nach ihrem Flug von 1963 übernahm das Werk es für seine Uhren.
Im Werksmuseum steht die Vitrine, um die es mir ging. Eine Damenuhr mit einem Werk von sechs mal neun Millimetern, kaum größer als ein Fingernagel, gewann 1966 auf der Leipziger Messe die Große Goldmedaille. Das Diplom von damals liegt bis heute im Museum, und für Besucher aus Deutschland hat das eine stille Pointe: Der handfesteste Beleg für die Uhrmacherei dieser Wolga-Stadt ist eine Urkunde aus Leipzig.
Das Museum selbst hat wechselhafte Jahre hinter sich, es war zeitweise geschlossen und öffnete 2021 wieder, mit knappen Zeiten. Ruf vorher an oder schreib, statt auf gut Glück hinzufahren; wenn du dabei Hilfe auf Russisch brauchst, nutz das Formular unter diesem Beitrag.
Hinkommen und weiterfahren
Uglitsch liegt abseits der großen Bahnstrecken. Es gibt einen Direktzug aus Moskau, der rund sechs Stunden braucht; schneller sind das Auto, etwa 235 Kilometer und drei bis vier Stunden über die M8, oder der Fernbus. Übers Wasser kommt nur, wer gleich eine ganze Wolga-Kreuzfahrt bucht. Die Hauptsaison läuft von Mai bis September.
Wenn nach Kreml und Uhren noch Zeit bleibt: Das Alexejewski-Kloster oben in der Stadt wurde 1371 gegründet, und das Museum der Wasserkraft erklärt anschaulich, warum die Wolga hier so aussieht, wie sie aussieht. Und eine halbe Autostunde vor der Stadt liegt der Hof, über den ich schon geschrieben habe: Troizkoje: Der Pferdehof, der mit wackligem Internet wirbt. Im selben Dorf steht die Kirche, die in den 1930er Jahren als einzige der Gegend geöffnet blieb. Uglitsch ist die natürliche Basis für diesen Ausflug.
Bleibt der Dank: Nach Uglitsch gebracht hat mich die Golden Ring Union, der Verband der neun Städte des Goldenen Rings und der ständige Kooperationspartner dieser Seite. Website und Kontakt stehen im Partnereintrag der Union.